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Irgendwo im jüngsten Bundesland Österreichs

Liebe Leser:innen, liebe Sanierungsbegeisterte und liebe Baukulturinteressierte,
wir dürfen Ihnen unseren jüngsten Projektzuwachs vorstellen – einen ehemaligen Kuhstall im Burgenland und Sie hiermit auf einen Ausflug entlang weitläufiger Straßen, geschlossener Häuserzeilen und weiß gekalkten Fassaden mitnehmen. 

Die burgenländische Kulturlandschaft

Sowohl auf historischen Karten als auch auf aktuellen Luftbildern ist im Burgendland die geometrische Dorfstruktur vordergründlich. Zwar mag sie in ihrer spezifischen Ausführung, z.B.: als Straßendorf oder Angerdorf, variieren, doch behält sie in ihren Grundzügen immer folgende Charakteristika bei: die schematische Anordnung der einzelnen Gebäude entlang der Dorfstraße, die nicht selten der natürlichen Topologie folgt und sich an Wasserläufen orientiert. Das daraus resultierende Dorfbild wird durch die unendliche Summierung eines Gebäudetypus bestimmt: dem Streckhof, der mitunter prägendsten Bauform dieser Region, die sich stets giebelseitig zur Straße platziert und rechtwinklig in den beachtlich schmalen und langgezogenen Grundstücksstreifen läuft. 

Die Häuser selbst weisen zumeist eine Standardbreite von fünf Metern auf. Bei einer geschlossenen Bauweise bildet die fensterlose Rückwand die Grenze zu den Nachbar:innen. 
Auch die Aufteilung der Räume im Grundriss selbst ist einer spezifischen Logik unterworfen. Der dreiteilige Wohnraum, der Stall und die Wirtschafträume führen bzw. führten linear von einer Straße (oftmals auch von einem Bach) ausgehend bis zum grundeigenen Wald oder Acker. Auf diese Weise war die Versorgung auf dem eigenen Grundstück garantiert und jeder wirtschaftliche Aspekte des alltäglichen Lebens, von der Wasserversorgung über die Viehhaltung bis zum Holzdepot, miteingeschlossen.

Vom Grundtypus des Streckhofs ausgehend, kann der Gebäudekomplex zu einem Haken,- Zwerch,- oder Drei-bzw. Vierseithof adaptiert werden. Alle Räume sind über den Hof erreichbar und durch den Außenraum miteinander verbunden. 

Durch die zumeist eingeschossige Ausführung kommt die Hauptqualität des Streckhofs zu tragen: die ebenerdige Erschließung der Räume und damit einhergehende Orientierung der Innenräume zum Garten.

Vielfache Ausführung, überschaubare Materialien

Nebst räumlichen Proportionen wird das identitätsstiftende Erscheinungsbild zudem wesentlich von den verwendeten Materialien bestimmt, denn die burgenländische Volksarchitektur ist sowohl landschafts,- funktions, - als nicht zuletzt auch materialgebunden. Verwendet wurde das, was im näheren Umkreis von der Natur gegeben ist: Holz, Kalk, Lehm, Stein, in nördlichen Gebieten auch Schilf. 

Hinter jedem Detail steht eine wohlüberlegte Entscheidung. Davon berichten die Abbundzeichen in den Dachbalken, die Dimensionen und Proportionen. Dem vorherrschenden Kalkputz mit seinem typischen Weiß kommt nicht nur aus bauphysikalischer Sicht durch seine atmungsaktive und feuchtigkeitsregulierende Eigenschaft eine große Bedeutung zu. Durch seine natürliche Alkalität wirkt Kalk zudem schädlings- und schimmelhemmend und trägt so entscheidend zur Haltbarkeit der Bausubstanz bei. Zudem erzählt das Streichen der eigenen Fassade und das jährliche Ausbessern von Alterungserscheinungen durch die Bewohner:innen von einem sozialen Akt, einer kollektiven Fürsorge und einer kulturellen Wertigkeit. 

Erhalt ist eine Chance, Tradition mit Zukunft zu verbinden

Und nun dürfen wir selbst in einem solchen Streckhoffragment – in einem ehemaligen Kuhstall im Mittelburgenland – stehen, den nicht rechtwinkligen Grundriss aufnehmen, die Substanz auf potentiellen Befall oder Salzausblühungen untersuchen und erste Überlegungen und Skizzen erstellen. 

Bereits jetzt ist klar, dass wir durch diese Planungs- und Bauaufgabe einen Beitrag zum Erhalt einer nachhaltigen Bauweise und regionalen Identität leisten dürfen, die den modernen Anforderungen des privaten Lebens entsprechen und gleichzeitig der Revitalisierung des ländlichen Raums dienen soll. 

Ausblick

Im nächsten Beitrag über den Kuhstall werden wir die hölzerne Eingangstür öffnen, den Blick auf Ziegelwände und Platzldecken freigeben und parallel dazu von den einzelnen Planungsphasen berichten. Es bleibt spannend…